OB Bühligen eröffnet Lesung

MZ 10. Sept.

Rede von OB Jens Bühligen am 9. September 2018

Sehr geehrte Anwesende, ich begrüße Sie herzlich an diesem alt-ehrwürdigen Ort in der Friedhofskapelle unseres Stadtfriedhofes St. Maximi.

Es ist nun über 400 Jahre her, dass der Grundstein für diese Gottesackerkirche durch den damaligen Bürgermeister Theodor Schultes gelegt wurde. Eine Pestepedemie hatte unsere Stadt heimgesucht, so dass die Toten keinen Platz mehr innerhalb der Stadtmauern fanden und hier außerhalb an diesem neuen Ort beigesetzt werden mussten.

Der Anlass warum wir heute hier zusammengekommen sind, liegt nun auch schon 100 Jahre zurück. Es war keine Naturkatastrophe und auch keine Seuche, welche die hier zu Gedenkenden ums Leben gebracht hat. Es war eine menschengemachte Katastrophe – der Erste von zwei verheerenden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts, der auch in Merseburg viele Menschenleben gefordert hat.

Das Besondere dabei – die jungen Männer, deren wir heute und an den nächsten Sonntagen gedenken, fanden nicht mal ihre Ruhestätte an diesem Ort in ihrer Heimatstadt Merseburg, sondern starben und liegen irgendwo in Europa, in Russland, Frankreich, auf dem Balkan und anderen Orten. Es ist wahr, sie zogen als Soldaten, als Kämpfer in diesen Krieg, weil eine „allgemeine Wehrpflicht“ und der Kaiser das Ihnen abverlangte, teilweise auch mit Begeisterung. Was bleibt ist nicht mal eine Grabstelle, zwar hier und da Gedenksteine mit ihren Namen in den Ortschaften – nicht aber in Merseburg. Das sogenannte Heldendenkmal, 1927 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung hier vor dem Stadtfriedhof eingeweiht, wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bombentreffer schwer beschädigt und später ganz abgerissen. Es blieb aber die Kassette mit den Namen der 900 Gefallenen von 1914-1918 erhalten.

Mit der Installation an diesem Ort und dem Verlesen von je 200 Namen heute und an weiteren Sonntagen errichten wir ein temporäres Denkmal, was aber höchst lebendig ist. Es sind Bürger unserer Stadt und Gäste die mit ihrem persönlichen Einsatz diese Aktion gestalten. Ich möchte Ihnen allen dafür herzlich danken, besonders auch Herrn Dietmar Eißner und dem Altstadtverein, die das hier organisiert haben.

Wir gedenken mit unserer Aktion nicht irgendwelcher Helden, denen es nachzueifern gelte. Sie waren auch nicht die einzigen Opfer dieses Krieges, selbst wenn es hier im Inland keine Kampfhandlungen gab. Im Gefangenenlager in Merseburg-Süd starben ebenfalls etwa 900 junge Männer aus anderen Nationen, die hier als Kriegsgefangene interniert waren. Und auch unter der Zivilbevölkerung, den Frauen, Alten und Kindern gab es zahlreiche Todesopfer infolge der schlechten Versorgungslage.

Sie alle wollen wir im Blick haben, wenn wir jetzt mit der Verlesung der Namen beginnen. „Nie wieder Krieg“ so der Leitspruch von Käthe Kollwitz auf ihrem Plakat zum Mitteldeutschen Jugendtag 1924 in Leipzig. Dieser Ruf gilt nach wie vor, angesichts anhaltender Kriege in der Welt.

Lassen Sie und gemeinsam dafür eintreten.