Kriegsgefangene auf dem Stadtfriedhof

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Grabanlage mit Gedenkstein für die im Ersten Weltkrieg verstorbenen Kriegsgefangenen auf dem Stadtfriedhof St. Maximi

Über 40.000 Kriegsgefangene verschiedener Nationen sind zwischen 1914 und 1918 im Merseburger Kriegsgefangenenlager interniert. Das Lager für Mannschaften entsteht im Süden von Merseburg, am ehemaligen Exerzierplatz des Merseburger Husaren-Regiments, entlang der Naumburger Straße. Mehr als 900 Soldaten und Zivilgefangene überleben die Gefangenschaft nicht infolge von Verwundung, Krankheit oder Entkräftung durch Zwangsarbeit. Am 23. September 1914 verstirbt der erste Kriegsgefangene in Merseburg. In Absprache mit dem Stellvertretenden Generalkommando des IV. Armeekorps Magdeburg einigen sich Merseburger Stadtverwaltung und die Kirchengemeinde St. Maximi auf einen Bestattungsort.
Auf dem Stadtfriedhof St. Maximi entsteht an dessen Südostende (Abt. V) eine Reihengrabanlage entlang der Leunaer Straße. Die Gräber erhalten eine Betoneinfriedung mit freistehenden Grabsteinen.

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Bis Ende Juni 1917 werden in der Grabanlage für fremde Kriegsteilnehmer etwa 120 Franzosen, 85 Russen, 12 Briten und ein Belgier bestattet. Im Juli 1915 errichten die Gefangenen für ihre verstorbenen Kameraden einen Gedenkstein. Das 3,50 m hohe Ehrenmal aus rotem Sandstein gestaltet der Merseburger Steinmetzmeister Hermann Bielig, nach einem Entwurf des französischen Architekten Gabriel Ferdinand Boivin. Beider Namen sind am Sockel eingraviert. Der Stein zeigt auf der Schauseite die Jahreszahlen „1914-1915“, eine Friedenspalme und darunter die Widmung in französischer Sprache: A NOS CAMERADS EN CAPTIVITÈ LES PRISONNIERS EN MERSEBURG („Unseren in der Kriegsgefangenschaft verstorbenen Kameraden. Die Kriegsgefangenen in Merseburg“). Die Widmung wird an den Seiten in russischer und englischer Sprache wiederholt. Die Kosten finanzieren die Kriegsgefangenen über eigene Spendensammlungen im Lager. Im Juli 1917 entsteht auf Druck der Stadtverwaltung direkt am Kriegsgefangenenlager ein eigener Friedhof für die verstorbenen Gefangenen (heute „Sowjetischer Ehrenfriedhof“). Auf dem Lagerfriedhof werden bis Kriegsende fast 700 weitere Gefangene begraben. In den 1920er Jahren werden die auf dem Stadtfriedhof bestatteten Kriegsgefangenen der West-Alliierten umgebettet und auf eigenen nationalen Soldatenfriedhöfen beigesetzt, Italiener und Soldaten des Commonwealth in Stahnsdorf bei Berlin. Die 85 russischen Soldaten ruhen bis heute an diesem Ort und werden nicht in ihre Heimat übergeführt. Im Zweiten Weltkrieg wird die Grabanlage mit Zwangsarbeitern (28 Russen, 6 Polen, 4 Niederländer, 2 Franzosen, 2 Tschechen, 1 Belgier, 1 Serbe, 1 Albaner und 1 Kroate) teilweise neu belegt.

Stadtfriedhof 1945 - Denkmalschutzbehörde LK Saalekeis

Ein Bombentreffer beschädigt den Gedenkstein, der in den 1950er Jahren notdürftig instandgesetzt wird. Die von der Gemeinde gepflegte Gräberanlage wird in den Folgejahren eingeebnet, und im nördlichen Bereich teilweise neu belegt.