Gedenken zum „Tag der Befreiung“

Sehr geehrte Damen und Herren – ein Name ist Dietmar Eißner,
ich bin Mitglied des Vereins Geschichtswerkstatt Merseburg – Saalekreis e.V. und des Merseburger Altstadtvereins.

Dietmar Eißner

Wir haben heute diese Gedenkveranstaltung hier organisiert unter außergewöhnlichen Umständen. Ich danke Ihnen, dass Sie sich der erforderlichen Anmeldprozedur unterzogen haben und auch bereit sind, mit uns die verhängten Auflagen einzuhalten.

In der anhaltenden Corona-Krise wird mittlerweile oft Bezug genommen zum letzten Krieg, dem Zweiten Weltkrieg, dessen Ausgang am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands besiegelt wurde. Und doch ist die gegenwärtige Krise keineswegs vergleichbar mit dem Krieg und der Gewaltherrschaft, die vor 75 Jahren ein Ende fanden.

Es waren nicht wir Deutschen selbst, die Gewaltherrschaft und Krieg aus eigener Kraft abschütteln konnten – im Gegenteil. Bis zuletzt kämpften fanatisierte Jungen und auch Mädchen in den Flakstellungen der Region und versuchten die anrückenden amerikanischen Panzer aufzuhalten.

Wir Deutschen wurden befreit, und wir mussten befreit werden, da wir selbst nicht den Blick und den Mut hatten, eine Diktatur abzuschütteln, die wir 12 Jahre zuvor durch demokratische Wahlen selbst an die Macht gebracht hatten.

Und so stehen wir heute hier auf diesem Friedhof und an diesem Denkmal, um Dank zu sagen:

  • Dank den Soldaten der Sowjetarmee und ihren Offizieren, denen wir diese – unsere – Befreiung in erster Linie zu verdanken haben.
  • Dank den Soldaten der anderen alliierten Armeen, vor allem Engländern und Amerikanern, die Stadt und Landkreis Merseburg bereits am 15. April 1945 befreit hatten
  • Dank aber auch den aktiven und stillen Widerstandskämpfern, die sich vom NS-Regime nicht beugen ließen und dafür ihr Leben lassen mussten,
    und hier denke ich besonders an die Merseburgerin Margarete Bothe, die noch am 12. April 45 von Gestapo erschossen wurde

Das Gedenken an die Widerstandkämpfer der NS-Zeit ist ja hier an diesem Ort auch präsent durch die Namenstafeln von 8 Konzentrationslagern im hinteren Teil des Friedhofes.

KZ-Gedenksteine

Verehrte Damen und Herren, wir stehen hier an einem Ort, der nicht nur die sterblichen Überreste von Opfern des 2.WK enthält, sondern dessen Ursprung auf das Jahr 1917 zurückgeht. Vor den Toren dieses Friedhofes, dort gegenüber wo jetzt die Gartenanlage Pappelallee ist, befand sich ein Lager mit Gefangenen des 1.WK. Insgesamt 40.000 passierten dieses Lager von 1914 bis zum Kriegsende, wovon über 900 hier in Merseburg starben. Jeder Todesfall wurde in den Sterbebüchern des Merseburger Standesamtes dokumentiert, so dass wir 230 Bestattungen aus diesem Lager auf dem Stadtfriedhof namentlich nachweisen können.

Die dortige Kriegsgräberstätte wurde durch Initiative des Altstadtvereins dem Vergessen entrissen, wartet aber immer noch auf Ihre Wiederweihe. Weil der Merseburger Stadtfriedhof zu klein wurde, musste hier dieses Gräberfeld angelegt werden – nur für ausländische Militärangehörige – insgesamt etwa 700 wurden von Mitte 1917 bis Ende 1918 hier bestattet.

Am 15. April 2020 wurden hier gegenüber in der Gartenanlage Pappelallee bei Grabearbeiten plötzlich Grabsteine entdeckt, mit kyrillischen Inschriften und der Jahreszahl 1920. Die MZ berichtete darüber. Die Grabsteine bzw. Bruchstücke wurden vom Friedhofsamt der Stadt Merseburg geborgen und liegen jetzt da vorn rechts am Eingang. Sie wurden vom Denkmalsamt und auch von einem Mitarbeiter des Museums untersucht und anhand von Nummern lassen sich sogar die Personen zuordnen.

Wie kommen nun diese Grabsteine als Baumaterial in die Gartenanlage? Nun das ist eine andere Geschichte – aber mir ist beim Betrachten der Steine noch etwas aufgefallen: Schaut man sich diese geborgenen Grabsteine genau an, so haben sie eine verblüffende Ähnlichkeit mit den hier in der Mitte verlegten und von uns als Gehweg benutzten Sandsteinplatten. Nun wir haben einen Steinmetz zu Rate gezogen und uns die Sache noch mal genau angeguckt – und ich kann Entwarnung geben. Dieser Weg hier zu den Opfern des 2.WK führt also nicht über die Grabmale der Opfer des 1.WK.

Und doch sind für mich beide Kriege hier an diesem Ort präsent und bekräftigen umso mehr den Aufruf – Nie wieder Krieg !

Ulrich von Wrochem

Werte Damen und Herren, wir beenden unsere kurze Zeremonie und legen unsere Blumen und Gebinde ab hier am Denkmal oder auch hier hinten an 8 weiteren Gedenksteinen. Diese Steine tragen die Namen von Konzentrations- und Vernichtungslagern und können nur stellvertretend stehen für die zahllosen Lager dieser Art. Wir lesen dort folgende Namen:

Sachsenhausen, Mauthausen, Lichtenburg, Flossenbürg, Dachau, Buchenwald, Berlin-Moabit, Auschwitz.

Während wir hier vorbei defilieren wird Herr Ulrich von Wrochem, ehemaliger Solo-Bratschist an der Mailänder Scala, eine Elegie von Igor Stawinsky für Viola Komponiert  1944 zu Gehör bringen

Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme und wünsche dann einen guten Heimweg.

Dietmar Eißner

8. Mai 2020, 75. Jahrestag der Befreiung

Gedenken auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof / Stadtratsvorsitzender Roland Striegel

Sehr verehrte Anwesende,
ich bin von Herzen dankbar für das heutige Gedenken hier auf diesem Ehrenfriedhof.

Der Vorsitzende des Merseburger Stadtrates Roland Striegel bei seiner Ansprache

In unserem gemeinsamen Gedenken darf ich mich stützen auf die stark beachtete Rede Richard von Weizsäckers vor dem Deutschen Bundestag am 8. Mai 1985. Zu diesem Zeitpunkt, 40 Jahre nach Kriegsende, war Deutschland, als Folge des Krieges, noch auf unabsehbare Zeit geteilt. Heute, inzwischen 30 Jahre nach der Wiedererlangung staatlicher Einheit, gilt das Wesentliche des 1985 Gesagten fort. Ich zitiere:

„Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mussten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen.“

Danach fuhr von Weizsäcker fort: „Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern.“ (Ende des Zitats)

Und wieder ein paar Sätze weiter sprach der damalige Bundespräsident aus, was bis dato in der Bundesrepublik Deutschland ganz und gar nicht als selbstverständlich galt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ (Zitatende)

Ein Krieg, dessen Ende nunmehr 75 Jahre zurückliegt, ein Krieg, den ich selbst nicht erleben musste, der aber für meine Eltern und meine 6 Geschwister die Vertreibung aus ihrer Heimat zur Folge hatte. Dieser 2. Weltkrieg bedeutete – für mich 1954 Geborenen und umso mehr für die nachfolgende Generation – dieser Krieg bedeutete eine notwendige und schmerzhafte, bis heute andauernde Aufgabe: „Sich-erinnern-lassen“. Mindestens im Schulunterricht, durch selbstgewählte Bücher, durch Filme, bestenfalls durch überlebende Zeitzeugen.
„Sich-erinnern-lassen“ an vielfältiges, von Menschen zielgerichtet verursachtes Leid.
„Sich-erinnern-lassen“ an ebenso vielfältiges von Menschen ertragenes Leid.

Ich zitiere erneut von Weizsäcker: „Hitler wollte die Herrschaft über Europa, und zwar durch Krieg. Den Anlass dafür suchte und fand er in Polen. Am 23. Mai 1939 […] erklärte er vor der deutschen Generalität: ´Weitere Erfolge können ohne Blutvergießen nicht mehr errungen werden… Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht. Es handelt sich für uns um die Erweiterung des Lebensraumes im Osten und Sicherstellung der Ernährung… Es entfällt also die Frage, Polen zu schonen, und bleibt der Entschluss, bei erster passender Gelegenheit Polen anzugreifen… Hierbei spielen Recht oder Unrecht der Verträge keine Rolle.´“ (Zitatende)

Was danach, insbesondere seit dem 1. September 1939 passierte, ist uns Anwesenden geläufig. Ich will dennoch kurz erinnern an solche Gräueltaten wie die Bombardierung Rotterdams durch die deutsche Luftwaffe oder die Einkesselung und Aushungerung Leningrads durch die Wehrmacht. Ich muss auch erinnern an die parallel zum Krieg weiter fortschreitende Erniedrigung vor allem jüdischer Menschen – bis hin zu ihrer systematischen, „perfekt-deutschen“ industriellen Ausrottung.

Mit dem Verlauf des Krieges zeigte sich immer deutlicher, dass der Lebenswille und die Einheit der menschlichen Völker noch größer war als die großdeutsche Überheblichkeit. Der Krieg kehrte nach verlustreichen Schlachten schließlich an seine Ausgangsorte zurück. Die ersten Bombardierungen der benachbarten Industrieanlagen sowie Merseburgs selbst, sowie danach unserer großen Nachbarstädte Magdeburg und Dresden im Winter 1945 waren ein Menetekel. Sie verwiesen bereits auf die nachfolgende bedingungslose Kapitulation Deutschlands am 8. Mai.

Nur wenige Tage zuvor, am 15. April 1945, wurde unsere Heimatstadt Merseburg von alliierten Truppen, konkret: von amerikanischen Panzerverbänden, trotz letztem und sinnlosem Widerstand eingenommen, das heißt besetzt. Dies wurde von vielen der hier lebenden Menschen als militärische aber auch als individuelle Niederlage empfunden. Man nannte es lange euphemistisch „Zusammenbruch“. –  Es handelte sich aber vielmehr um das von vielen anderen ersehnte Ende einer in ihren Ausmaßen unvergleichlichen zivilisatorischen Tragödie.

Verehrte Anwesende,
von Weizsäcker fuhr in seiner Rede fort: „Es gab [und er meint die ganze Zeit des Nationalsozialismus] viele Formen, das Gewissen ablenken zu lassen, nicht zuständig zu sein, wegzuschauen, zu schweigen. Als dann am Ende des Krieges die ganze unsagbare Wahrheit des Holocaust herauskam, beriefen sich allzu viele von uns darauf, nichts gewusst oder auch nur geahnt zu haben.
Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht. Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich. Es gibt entdeckte und verborgen gebliebene Schuld von Menschen. Es gibt Schuld, die sich Menschen eingestanden oder abgeleugnet haben. Jeder, der die Zeit mit vollem Bewusstsein erlebt hat, frage sich heute im Stillen selbst nach seiner Verstrickung.“
(Zitatende)

Hier auf diesem Friedhof liegen Soldaten beider Weltkriege begraben. Soldaten, denen wir als menschliche Wesen unseren Respekt schulden! An diesem Tag vor allem für die Befreiung von einer menschenverachtenden Tyrannei, die ganz gewiss alles andere war als ein harmloser „Vogelschiss in der deutschen Geschichte“.

Ich persönlich fremdele mit dem Begriff soldatischen Heldentums. Ich selbst musste in der DDR 18 Monate lang unfreiwillig Volksarmist sein. Mit der Wende führte einer meiner ersten Wege zum Wehrkreiskommando, um mich endlich als Wehrdienstverweigerer registrieren zu lassen. Unbeschadet meines christlichen Pazifismus bin ich fest überzeugt, unter den toten Soldaten hier finden sich viele großartige Menschen, wahrscheinlich aber ebenso schuldhaft in Kriegs- und Nachkriegshandlungen verstrickte, ganz verletzliche Menschen „wie du und ich“. Letztlich liegen hier wohl weniger Helden, meist jedoch in die Schlachten getriebene junge Leben. Vor allem liegen hier Opfer, Geopferte. Von ihren liebsten Angehörigen und Freunden schmerzhaft betrauert – und dies meist wohl nur aus der unüberbrückbaren Distanz ihrer jeweiligen fernen Heimat. – Ihnen gilt unsere Verneigung!

Sehr geehrter Herr Eißner,
ich danke seitens des Stadtrates Merseburg sowie der Merseburgerinnen und Merseburger Ihnen und der Geschichtswerkstatt Merseburg-Saalekreis für die Vorbereitung des heutigen Gedenkens.

Verehrte Anwesende,
ich möchte zum Abschluss noch einmal von Weizsäcker zitieren: „Wir können des 8. Mai nicht gedenken, ohne uns bewusstzumachen, welche Überwindung die Bereitschaft zur Aussöhnung den ehemaligen Feinden abverlangte.“ (Zitatende)

Lassen Sie uns deshalb an diesem Tag des Erinnerns das großartige Geschenk der Befreiung hochhalten und einen bereits 75 Jahre währenden Friedens tagtäglich schätzen!
Lassen Sie uns – angesichts der uns umgebenden Gräber – lassen Sie uns jede Nation, so auch unsere eigene deutsche Nation von Herzen achten!
Lassen Sie uns in Deutschland, trotz mancher gegenwärtiger alltäglicher Sorgen, immer wieder vor allem eines für seine Menschen suchen: Einigkeit und Recht und Freiheit!
Und lassen Sie uns stets den friedlichen Ausgleich mit unseren europäischen Nachbarn anstreben, auf dass wirklich die Sonne schön wie nie über Deutschland, ja letztlich über unserem gemeinsamen Haus Europa scheine! Über einem europäischen Haus – und wie ich meine: einschließlich Russlands.

Dies möge unsere Verantwortung sein. Ich danke Ihnen.
Roland Striegel

100 Jahre Erster Weltkrieg

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Sehr geehrte Damen und Herren,

im Namen des Merseburger Altstadtvereins und unseres Vorsitzenden Dr. Hannuschka möchte ich Sie heute hier an diesem Ort in Merseburg herzlich willkommen heißen.

Mein Name ist Dietmar Eißner – Ich bin Projektleiter der Initiative Weltkriegsgedenken 2018 in Merseburg

Es ist heute der 11. November – der Tag an dem vor genau 100 Jahren ein Waffenstillstand zum „Großen Krieg“ (wie ihn die Engländer und Franzosen nennen) unterzeichnet wurde.

Für die Deutschen und Österreicher war und ist es der Erste Weltkrieg. Kriege gab es schon immer – aber einen Krieg, der die ganze zivilisierte Welt erfasste, das war neu. Deshalb wird dieser Krieg zu Recht als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet.

Aber es kam ja noch schlimmer. Bereits 21 Jahre später begann ein neuer Krieg, diesmal eindeutig von deutschem Boden ausgehend, der noch viel größer und verheerender wurde als der Erste.

Wir stehen hier an einer Stelle auf dem Stadtfriedhof Merseburg, wo sich hinter Ihnen Gräber des 2.WK befinden. Soldatengräber – leider als solche kaum zu erkennen, und die Gräber der Merseburger Bombenopfer – einer neuen Waffe, die erst im 2.WK zum Einsatz kam.

Vor Ihnen an der Ostwand des Friedhofes sehen Sie einen schwärzlichen Obelisken. Es handelt sich um einen rudimentären Gedenkstein, den die Gefangenen des 1.WK im Jahre 1915 für ihre hier im Lager Merseburg verstorbenen Kameraden selbst gesetzt haben. Er markiert die Stelle, wo von 1914 bis Mitte 1917 insgesamt 230 Kriegsgefangene beerdigt wurden – hauptsächlich Engländer, Franzosen und Russen.

Während die Gebeine der Engländer und Franzosen in den 20er Jahren umgebettet wurden, blieben die Russen hier liegen. Wir konnten als Altstadtverein die Namen von 85 Russen ermitteln, die hier noch liegen. Mit Mitteln des Landes Sachsen-Anhalt soll an dieser Stelle in den nächsten Monaten eine würdige Kriegsgräberstätte hergerichtet werden, mehr als 100 Jahre nach dem Tode der Betroffenen.

Vor Ihnen der 1.WK, hinter Ihnen der 2.WK – und dazwischen in der Mitte nun dieser Stein.

Ich spare mir Ausführungen zur Geschichte des Steines. Dazu finden sie auf der Rückseite einen QR-Code womit Sie einen entsprechenden Text aufrufen können.

Wichtiger ist die Frage: Wozu dieser Stein und was verbirgt sich hinter dieser Fahne, die ich gleich wegziehen werde.

Sie sehen hier das Motiv einer Mohnblume, einige haben sie auch am Revers und einige haben so ein Heftchen. Das Motiv der Mohnblume hat uns an 5 Sonntagen begleitet bei der Verlesung der etwa 1000 Namen der Gefallenen des 1.WK aus Merseburg und Umgebung > jetzt Fahne wegziehen

Und so widmen wir diesen Stein Ihnen – den Vätern und Söhnen unserer Stadt, die hier an ihrem Heimatort keine Grabstätte fanden sondern irgendwo in Europa und der Welt verbuddelt wurden oder im Meer versanken.

Wir widmen diesen Stein auch den 900 Kriegsgefangenen aus 7 Nationen, die hier im Lager Merseburg verstarben.

Wir widmen diesen Stein weiterhin den nicht namentlich erfassten zivilen Opfern des 1.WK in Merseburg, vor allem Alten und Kindern, deren Leben durch unzureichende Ernährung ein vorzeitiges Ende fand.

Im Blick auf die Gräber des 2.WK widmen wir diesen Stein zugleich ALLEN Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft des 20. Jahrhunderts.

Meine Damen und Herren – wie Sie sehen ist das nicht einfach ein Gedenkstein, sondern auch ein Stein mit einer politischen Botschaft, die nichts an Aktualität verloren hat:

„Nie wieder Krieg“ – Ich danke Ihnen herzlich, wenn Sie sich diesem Ruf anschließen können.

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Stadtrat Uwe Reckmann

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Ansprache zum Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren  am 11. November 2018

„Wer die Geschichte nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten“. Mit diesem Zitat unseres ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl möchte auch ich Sie im Namen des Merseburger Stadtrates zu dieser Gedenkveranstaltung anläßlich des Kriegsendes vor 100 Jahren begrüßen

Unter Hurrarufen waren sie in den Ersten Weltkrieg gezogen. Siegreich werde das „gute deutsche Schwert“ aus dem Kampf hervorgehen, hatte Kaiser Wilhelm II seinen Soldaten Anfang August 1914 versichert. Auch Merseburg konnte sich der allgemeinen Kriegsbegeisterung nicht entziehen.

Doch schon nach wenigen Wochen ging der deutsche Angriff an der Westfront in einen erbitterten Stellungskrieg über. Kaiser Wilhelms Propaganda vom ritterlichen Kampf verpuffte im Labyrinth der Schützengräben.

Auch an der „Heimatfront“ schlug die anfängliche Kriegslust in immer stärkere Unlust um. Seit dem Hungerwinter 1916/17 schickten Frauen massenhaft „Jammerbriefe“ ins Feld, es gab Antikriegsstreiks. Im Herbst 1918 erreichte die Friedenssehnsucht den Siedepunkt: In Wilhelmshafen leiteten Matrosen in der Nacht zum 30. Oktober das Ende der Monarchie ein. Sie weigerten sich zum „Endkampf“ gegen England in denÄrmelkanal auszulaufen. Der Funke der Meuterei sprang auf Kiel über und weitete sich zum Flächebrand aus. Überall entstanden Soldaten- und Arbeiterräte. Ihre Forderungen: sofortiges Ende des Krieges, Entmachtung des Kaisers und demokratische Wahlen. Am 9. November war es soweit: Reichskanzler Max von Baden verkündete Wilhelms Abdankung und ernannte den Vorsitzenden der SPD, Friedrich Ebert zu seinem Nachfolger. Eberts Co-Vorsitzender Philipp Scheidemann rief in Berlin die Republik aus, die Menge jubelte. Zwei Tage darauf wurden die Kampfhandlungen eingestellt. Das Kaiserreich war tot, die Republik geboren. So verlief sie Nobember- Revolution und das Ende des Ersten Weltkrieges. Dennoch gab es bis Mai 1919 noch mehr als 5.000 Tote durch von reaktionären Freikorps verübte Gewaltexzesse.

Wir erinnern uns heute an das unendliche Leid und die Millionen von Toten, die dieser Weltkrieg gefordert hat. Nach 100 Jahren gibt es keine Augenzeugen mehr, die ihre Erfahrungen an ihre Nachkommen weitergeben können. Deshalb sind wir dem Merseburger Altstadtverein und insbesondere Herrn Dietmar Eißner sehr dankbar, dass die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ wieder in unsere Erinnerung getreten ist. Nachdem das Merseburger Heldendenkmal“ von 1927 im Jahr 1944 zerstört wurde und Totalabriss 1948 folgte gab es praktisch 70 Jahre lang kein Gedenken an den Ersten Weltkrieg in Merseburg. Erst durch Initiative des Altstadtvereins und das Verlesen der Namen der Gefallenen wurde das Thema wieder aufgegriffen.

Die Gedenktafel am Soldatenfriedhof in Merseburg-Süd, die Verlesung der Kriegstoten an fünf Sonntagen durch Merseburger Bürgerinnen und Bürger und die Enthüllung des Gedenksteins sollen auch den jetzt Lebenden und den nachfolgenden Generationen mahnendes Gedenken sein. Deshalb gedenken wir an diesem Ort den Gefallenen der beiden Weltkriege am Volkstrauertag.

Superintendentin Christiane Kellner

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Wie können wir den Schrei von Käthe Kollwitz hören und leben
„Nie wieder Krieg“  – durch Erinnern.

Das haben wir am Freitag, 9. November am Apothekerbrunnen getan, und vorhin in der Friedhofskapelle mit einem Gedenkgottesdienst.

Auch auf dem Stadtfriedhof selbst wird uns unsere Schuld bewusst. Auch das Grab von Superintendent Bithorn erinnert uns. Er hat durch seine Verkündigung den Angriffskrieg Deutschland unterstützt. Und die Urne seiner Enkeltochter Margarethe Bothe wurde im Grab der Großeltern beigesetzt. Sie wurde am 12.04.1945 von den Nationalsozialisten erschossen.

Wie können wir den Schrei „Nie wieder Krieg“ hören und leben?

Sich erinnern an die getöteten Frauen, Kinder, Männer, Alte, Junge, Soldaten, Zivilbevölkerung. Es darf keine Glorifizierung der im Krieg Getöteten geben.
Denn mit und nach Tucholsky: Jede Glorifizierung eines Menschen, der im Krieg getötet hat und getötet worden ist, bedeutet drei Tote im nächsten Krieg.
Unsere christliche Botschaft sagt uns eindeutig: Unter den Menschen darf es kein aussortieren geben. Gott hat alle Menschen erschaffen, dich und mich und er geht noch einen Schritt weiter. Gott liebt alle Menschen, so schwer mir das manchmal zu glauben und zu leben fällt. Er liebt dich und mich.

Wenn wir dies leben, dann sind wir auf Augenhöhe, nehmen wahr, achten uns in aller Verschiedenheit. Dann können wir Käthe Kollwitz´s Schrei auf den Weg bringen.
Nie wieder Krieg.“

Fünfte und letzte Lesung am 4. November

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Abschluss der Leseaktion der Namen der ca. 1000 Gefallenen des Ersten Weltkrieges aus Merseburg und Umgebung.

Es wirkten mit:

Karl Heinz Zücker (Diplomingenieur)
Romy Höhne (Politikwissenschaftlerin)
Jürgen Schwarze (Immobilienmakler)
Gisa Christel Bradler (Diplomchemikerin)
Hartmut Handschak (amt. Landrat)

Musikalische Begleitung durch Solobratschist Ulrich von Wrochem

Herzlichen Dank allen Mitwirkenden und auch den Gästen unserer Veranstaltung.

Damit ist die Leseaktion zum Ersten Weltkrieg in Merseburg abgeschlossen.

 

 

Vierte Lesung am 21. Oktober

 

Am Sonntag den 21. Oktober fand in der Stadtfriedhofskapelle die vierte von insgesamt fünf Lesungen der Namen der Gefallenen des Ersten Weltkrieges aus Merseburg und Umgebung statt.

600 von insgesamt knapp 1000 Namen wurden an den zurückliegenden 3 Lesesonntagen bereits von 16 Vorlesern zu Gehör gebracht. In der vierten Lesung werden 160 Namen von gefallenen Merseburgern und weitere Namen aus der Ortschaft Meuschau vorgetragen. Dort gibt es im Unterschied zu Merseburg auch noch ein Weltkriegsdenkmal, was von engagierten Bürgern gepflegt wird.

Unter den Vorlesern dieses Sonntags ist auch die 9-jährige Schülerin Sana aus Hombs in Syrien, die mit Ihren Eltern in Deutschland Zuflucht gefunden hat. Sie besucht die 4.Klasse der Johannes-Schule in Merseburg und wird ebenfalls 40 Namen von Deutschen Gefallenen vortragen.

Auch die früher selbständigen Ortschaften und nunmehr eingemeindeten Ortsteile sind bei der Lesung vertreten. Frau Iris Spatzier hat in mühevoller Kleinarbeit die Namen und das Schicksal der 39 gefallenen bzw. vermissten Meuschauer recherchiert, darunter eines Ihres Vorfahren.

An der Lesung am 21.10. sind beteiligt:
– Regine Zoogbaum (Rentnerin)
– Sana (Schülerin)
– Dr. Verena Späthe (Landtagsabgeordnete)
– Cornelia Pippel (Musiktherapeutin)
– Iris Spatzier (Busfahrerin)

Die musikalische Begleitung gestaltete wiederum Bratschist Ulrich von Wrochem, diesmal mit anspruchsvollen Stücken von Paul Hindemith (1895 – 1963)

Dritte Lesung am 7. Oktober

Am Sonntag den 7.10. fand die dritte von insgesamt fünf Lesungen der Namen der Gefallenen des Ersten Weltkrieges aus Merseburg statt.

Am Anfang wurden durch Ortsbürgermeisterin Elke Beyer die Namen der 10 Gefallenen aus Trebnitz verlesen, gefolgt von weiteren 200 Namen aus Merseburg.

An der Lesung waren weiterhin beteiligt:

Birgit Eißner (Arzthelferin)
Günter Weber (Ingenieur-Pädagoge)
Marlies Schmädeke (Sekretärin)
Karin Krausemann (Finanzbeamtin)

Die musikalische Begleitung übernahm Bratschist Ulrich von Wrochem.

Zweite Lesung am 23. September

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Am Sonntag den 23. September wurden weitere 200 Namen aus der Liste der Gefallenen des Ersten Weltkrieges verlesen.

Es wirkten mit:

Dr. Christof Günther (Geschäftsführer)
Marcus Turre (Prokurist)
Dr. Hardy Gude (Volkswirt) & Sohn Simon (Schüler)
Martin Eißner (Rentner)
Hartmut Richter (Pfarrer)
Ulrich von Wrochem (Bratschist)

Herzlichen Dank an alle Mitwirkenden

Weitere Lesungen finden statt am 7. Oktober, 21. Oktober und 7. November