Gedenken zum „Tag der Befreiung“

Sehr geehrte Damen und Herren – ein Name ist Dietmar Eißner,
ich bin Mitglied des Vereins Geschichtswerkstatt Merseburg – Saalekreis e.V. und des Merseburger Altstadtvereins.

Dietmar Eißner

Wir haben heute diese Gedenkveranstaltung hier organisiert unter außergewöhnlichen Umständen. Ich danke Ihnen, dass Sie sich der erforderlichen Anmeldprozedur unterzogen haben und auch bereit sind, mit uns die verhängten Auflagen einzuhalten.

In der anhaltenden Corona-Krise wird mittlerweile oft Bezug genommen zum letzten Krieg, dem Zweiten Weltkrieg, dessen Ausgang am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands besiegelt wurde. Und doch ist die gegenwärtige Krise keineswegs vergleichbar mit dem Krieg und der Gewaltherrschaft, die vor 75 Jahren ein Ende fanden.

Es waren nicht wir Deutschen selbst, die Gewaltherrschaft und Krieg aus eigener Kraft abschütteln konnten – im Gegenteil. Bis zuletzt kämpften fanatisierte Jungen und auch Mädchen in den Flakstellungen der Region und versuchten die anrückenden amerikanischen Panzer aufzuhalten.

Wir Deutschen wurden befreit, und wir mussten befreit werden, da wir selbst nicht den Blick und den Mut hatten, eine Diktatur abzuschütteln, die wir 12 Jahre zuvor durch demokratische Wahlen selbst an die Macht gebracht hatten.

Und so stehen wir heute hier auf diesem Friedhof und an diesem Denkmal, um Dank zu sagen:

  • Dank den Soldaten der Sowjetarmee und ihren Offizieren, denen wir diese – unsere – Befreiung in erster Linie zu verdanken haben.
  • Dank den Soldaten der anderen alliierten Armeen, vor allem Engländern und Amerikanern, die Stadt und Landkreis Merseburg bereits am 15. April 1945 befreit hatten
  • Dank aber auch den aktiven und stillen Widerstandskämpfern, die sich vom NS-Regime nicht beugen ließen und dafür ihr Leben lassen mussten,
    und hier denke ich besonders an die Merseburgerin Margarete Bothe, die noch am 12. April 45 von Gestapo erschossen wurde

Das Gedenken an die Widerstandkämpfer der NS-Zeit ist ja hier an diesem Ort auch präsent durch die Namenstafeln von 8 Konzentrationslagern im hinteren Teil des Friedhofes.

KZ-Gedenksteine

Verehrte Damen und Herren, wir stehen hier an einem Ort, der nicht nur die sterblichen Überreste von Opfern des 2.WK enthält, sondern dessen Ursprung auf das Jahr 1917 zurückgeht. Vor den Toren dieses Friedhofes, dort gegenüber wo jetzt die Gartenanlage Pappelallee ist, befand sich ein Lager mit Gefangenen des 1.WK. Insgesamt 40.000 passierten dieses Lager von 1914 bis zum Kriegsende, wovon über 900 hier in Merseburg starben. Jeder Todesfall wurde in den Sterbebüchern des Merseburger Standesamtes dokumentiert, so dass wir 230 Bestattungen aus diesem Lager auf dem Stadtfriedhof namentlich nachweisen können.

Die dortige Kriegsgräberstätte wurde durch Initiative des Altstadtvereins dem Vergessen entrissen, wartet aber immer noch auf Ihre Wiederweihe. Weil der Merseburger Stadtfriedhof zu klein wurde, musste hier dieses Gräberfeld angelegt werden – nur für ausländische Militärangehörige – insgesamt etwa 700 wurden von Mitte 1917 bis Ende 1918 hier bestattet.

Am 15. April 2020 wurden hier gegenüber in der Gartenanlage Pappelallee bei Grabearbeiten plötzlich Grabsteine entdeckt, mit kyrillischen Inschriften und der Jahreszahl 1920. Die MZ berichtete darüber. Die Grabsteine bzw. Bruchstücke wurden vom Friedhofsamt der Stadt Merseburg geborgen und liegen jetzt da vorn rechts am Eingang. Sie wurden vom Denkmalsamt und auch von einem Mitarbeiter des Museums untersucht und anhand von Nummern lassen sich sogar die Personen zuordnen.

Wie kommen nun diese Grabsteine als Baumaterial in die Gartenanlage? Nun das ist eine andere Geschichte – aber mir ist beim Betrachten der Steine noch etwas aufgefallen: Schaut man sich diese geborgenen Grabsteine genau an, so haben sie eine verblüffende Ähnlichkeit mit den hier in der Mitte verlegten und von uns als Gehweg benutzten Sandsteinplatten. Nun wir haben einen Steinmetz zu Rate gezogen und uns die Sache noch mal genau angeguckt – und ich kann Entwarnung geben. Dieser Weg hier zu den Opfern des 2.WK führt also nicht über die Grabmale der Opfer des 1.WK.

Und doch sind für mich beide Kriege hier an diesem Ort präsent und bekräftigen umso mehr den Aufruf – Nie wieder Krieg !

Ulrich von Wrochem

Werte Damen und Herren, wir beenden unsere kurze Zeremonie und legen unsere Blumen und Gebinde ab hier am Denkmal oder auch hier hinten an 8 weiteren Gedenksteinen. Diese Steine tragen die Namen von Konzentrations- und Vernichtungslagern und können nur stellvertretend stehen für die zahllosen Lager dieser Art. Wir lesen dort folgende Namen:

Sachsenhausen, Mauthausen, Lichtenburg, Flossenbürg, Dachau, Buchenwald, Berlin-Moabit, Auschwitz.

Während wir hier vorbei defilieren wird Herr Ulrich von Wrochem, ehemaliger Solo-Bratschist an der Mailänder Scala, eine Elegie von Igor Stawinsky für Viola Komponiert  1944 zu Gehör bringen

Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme und wünsche dann einen guten Heimweg.

Dietmar Eißner

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