Gefangenenlager

Das Merseburger Kriegsgefangenenlager 1914-1921 auf dem Exerzierplatz

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Blick von einem der Wachtürme auf die Gefangenenbaracken an der Südostseite des Lagers. (1916, Fotografie: Kulturhistorisches Museum Schloss Merseburg)

Auf dem Territorium des heutigen Sachsen-Anhalts entstehen im Ersten Weltkrieg acht Mannschaftsgefangenenlager in Altengrabow, Gardelegen, Merseburg, Quedlinburg, Salzwedel, Stendal, Kleinwittenberg und Zerbst (ca. 120.000 Insassen) sowie drei Offiziersgefangenenlager in Burg, Halle und Magdeburg (ca. 2.200 Insassen). In der Garnisonsstadt Merseburg beginnt auf Anordnung der stellvertretenden Heeresleitung des IV. Armeekorps in Magdeburg einen Monat nach Kriegsausbruch im September 1914 die Errichtung eines Kriegsgefangenenlagers. Auf dem Areal des Exerzierplatzes im Süden der Stadt entsteht entlang der Naumburger Straße binnen weniger Wochen, auf einer Gesamtfläche von knapp 25 ha, ein planmäßiges Lager für etwa 10.000 Kriegsgefangene. In 48 Gefangenenbaracken, die in acht Teillager und Kompanien unterteilt sind, leben Gefangene verschiedener Nationen auf engstem Raum zusammen. Neben den Baracken, in denen jeweils 150 bis 250 Gefangene untergebracht sind, entsteht am Lager eine umfangreiche Lagerverwaltung mit Kommandantur, Großküche, Kantinen, Krankenstation mit Quarantänebereich, Bädern, Latrinen, Post, Bäckerei, Schweinemast, Hühnerhof und 1917 ein Friedhof. Die Bewachung der Gefangenen im Lager und auf den zahlreichen Arbeitskommandos übernehmen die Landsturm-Reserve-Bataillone IV./25 und VI./17.lager21
Rekonstruktion des Merseburger Gefangenenlagers anhand eines am 12. Juli 1917 erstellten Lageplans vom Militär-Bauamt Halle. (LASA, Abt. Merseburg, C 48 Ih, Nr. 893, Blatt 101) 2018, Rekonstruktion von Nadeette Torres mit freundlicher Unterstützung von TJ-engineering: Kulturhistorisches Museum Schloss Merseburg)

Die Zeit und das Leben der Kriegsgefangenschaft in Merseburg sind für die Masse der Gefangenen entbehrungsreich und leidvoll. Um den monotonen Lageralltag zu unterbrechen, werden die Gefangenen in täglich anfallende Aufgaben in der Küche, bei der Poststelle, als Übersetzer in den Schreibstuben oder in den Schuh-, Textil- oder Holzwerkstätten eingebunden. Französische Ärzte und Hilfssanitäter betreuen das Lazarett, das von einem deutschen Militärarzt geleitet wird. Unter dem Schlagwort „Lagerkultur“ finden Theateraufführungen oder Konzerte der Kriegsgefangenen füreinander, für die Lagerverwaltung oder geladene Gäste statt. In einzelnen Baracken sind kleine Kapellen für sonntägliche Messen und Gottesdienste eingerichtet. Es gibt eine Bibliothek und eine eigene Lagerzeitung. Ab dem Frühjahr 1915 werden die Gefangenen kriegsbedingt als Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, Industrie, in den umliegenden Kohlegruben im Geiseltal sowie zur Realisierung kommunaler Bauprojekte eingesetzt. Bei der Errichtung des Ammoniakwerkes Merseburg bei Leuna ab dem Frühjahr 1916 leben und arbeiten zeitweise über 2.000 Gefangene auf der Großbaustelle.

lager3Blick von einem der Wachtürme an der Nordwestseite auf das Lager. Im Hintergrund sind die Schlote des Ammoniakwerk Merseburg zu erkennen.
(1918, Fotografie: Kulturhistorisches Museum Schloss Merseburg)

Bis zum Kriegsende im November 1918 durchlaufen 17.564 Russen, 15.895 Franzosen, 3.035 Briten, 2.675 Italiener, 2.274 Portugiesen, 312 Belgier und 7 Amerikaner das Lager. Mit dem Kriegsende und der Kapitulation Deutschlands am 11. November 1918 vollzieht sich zum Jahresende und im Frühjahr 1919 die zügige Rückführung der Kriegsgefangenen in ihre Heimatländer. Die knapp 8.000 in Merseburg verbliebenen russischen Gefangenen werden nach dem Separat-Frieden von Brest-Litowsk im März 1918 nach zähen Verhandlungen mit der Sowjetischen Regierung in mehreren Etappen, bis zum 21. Januar 1921, in ihre Heimat zurück transportiert. Die Baracken auf dem Areal des Gefangenenlagers beziehen in den 1920er Jahren vertriebene deutsche Familien aus Ostpreußen. Von 1926 bis 1933 entstehen Wohnsiedlungen mit Reihen- und Doppelhäusern in Zollbauweise (benannt nach dem Merseburger Stadtbaurat Friedrich Zollinger) sowie eine Kleingartenanlage (heute Kleingartensparte Merseburg Süd e.V. „Pappelallee“).

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